Die Geschichte hinter dem Pasinger Volksfest

Dieser Artikel wurde uns freundlicherweise vom Pasinger Archiv zur Verfügung gestellt.


Wer von Volksfest spricht, denkt zuerst an das Münchner Oktoberfest. Und der jenige. welcher eher das kleinere und gemütlichere Pendant liebt, der ist auf dem Magdalenenfest im Hirschgarten zu Hause. Aber wer erinnert sich schon noch an die grossen Pasinger Volksfeste, die über viele Jahre hinweg stattfanden? In Ausstattung und Publikumsgunst konnten sie sich durchaus mit dem grossen Bruder in München messen.

Mitte der Sechziger Jahre war es, als der Merzenstein Schorsch und der Lastwagen-Hans sich darüber unterhielten, wann wohl das erste Pasinger Volksfest stattfand. Der Hans sagte, die ersten Feste müsste es bereits vor dem Ersten Weltkrieg gegeben haben. Und recht hatte er, denn das erste Volksfest wurde 1905 im Jahre. der Stadterhebung abgehalten. Es fand statt auf der Spiegel-Wiese im Bereich der heutigen Lorzing- und Haberlandstrasse. Diese einstige Freifläche ist längst zuge baut durch die Wohnblöcke der Eisenbahner.

Gruss vom pasinger volksfest1

Postkartenmotiv

Bereits das zweite Volksfest, das die Stadt Pasing abhielt, gewann an Umfang und Qualität. Es wurde im September 1906 abgehalten auf der Rieger-Wiese in der Waldkolonie an der heutigen Maria-Eich-Strasse. Schon lange vor Beginn befasste sich der Pasinger Stadtrat mit der Festplanung. So bemängelte der Bauausschuß die Gestaltung der Schützenhalle. Da sie an einem dominanten Platze stehen sollte, müsse sie auch fürs Auge ansprechend sein und liebevoller gestaltet werden. Festkommissar Bachmair erwiderte daraufhin, dass die Wände nach aussen hin mit Bäumen und Gesträuch verkleidet würden. Die Budenbesitzer hätten ohnehin mit grossen Aus lagen zu rechnen und auch müsse in Betracht gezogen werden, dass die Buden ja nur einige Tage stehen würden.

Rieger wiese

Volksfest auf der Rieger-Wiese in der Waldkolonie

Die Abhaltung des Volksfestes brachte der Stadt Pasing guten Ertrag. Eine Ver steigerung wurde am 20.August 1906 im Rathaus abgehalten. Sie erbrachte für die Stände 1159 Mark und für die Wirtsbuden 2450 Mark. Unter anderem wurden erzielt für die Fahrradeinstellhalle 245 Mark (Laugl), sechs Zigarrenstände 90 Mark (Sigl), vier Käsestände 152 Mark, drei Fischbratereien 75 Mark, drei Kuchelbäckereien 80 Mlark, acht Zuckerwarenstände 204 Mark, vier Likörstände 44 Mark, sechs Limonadenstände 77 Mark, vier Brotstände 40 Mark (Haberland-Meier), 1 Obststand 11 Mark (Strohhofer), Schmuckfedern 26 Mark, zwei Kokosnuß-Stände 50 Mark, zwei Charkutierwarenstände 74 Mark und Nippsachen 15 Mark.

Die Wirtsbuden wurden beliefert von der Planegger Schloßbrauerei, der Löwenbräu und der Thomas-Brauerei. Sie verzapften Märzen, Lager, Pilsner und das bekannte Helle. Mit unermüdlichem Fleiss widmeten sich die Herrn Geisselsöder, Volm und Dr. Puille dem Glückshafen. Sie sortierten und numerierten die Gewinne, welche in wahrem Chaos als Spenden von den Pasinger Geschäftsleuten eintrafen. Leider sollte der Glückshafen nicht den gewünschten Gewinn für den Hilfsfond bringen. Von den neun Serien Lose wurden nur 6 1/2 Serien verkauft. Die nicht ausgegebenen Gewinne wurden für das nächste Jahr aufgehoben. Ferner gab es eine grosse Schüt zenhalle und mehrere Hühner- und Wurstbratereien. Besonders gelobt wurde, dass die vielen tausend Besucher trotz der tropischen Hitze an vielen schattigen Plätzen gemütlich sitzend den Durst löschen konnten. Ausser den bekannt guten bürger lichen Küchen in den vier grossen Wirtsbuden sorgte die Hühnerbraterei Springer für schmackhafte Bissen. Eine besondere Spezialität gab es in der Spiegelschen Würstelbraterei, nämlich etwas "super pikantes, das den verwöhntesten Fein schmecker hochbefriedigen dürfte": Schweinswürstel in warmer Weinsulze. Dazu gab es Steckerifische und Bratheringe.

Trabrennen

Trabrennen beim Volksfest in der Waldkolonie

Bereits beim ersten Volksfest hatte es Polizeihauptkommissär Nahstoll besonders wichtig. Seine Amtsräume hatte er in der Landgendamerie im Niedermeier-Haus, das neben der Brauerei lag (heute Wienerwald). Er konnte den neuen Keferlohern kein Vertrauen abgewinnen und so liess er bei allen das Eichmaß überprüfen und konnte zu seinem Leidwesen keine Beanstandung finden. Auch beim zweiten Volksfest war es wieder der Nahstoll, der die Blicke auf sich zog. In "Birkenmeiers Kasperltheater" rief der schlagfertige Kasperl zu Beginn jeder Vor stellung zu seinen Zuschauern: "Seid's alle da?", und erhielt dafür ein lautes "Ja!"; "Habt's a Geld a?", fuhr er fort, worauf alle noch viel lauter ein "Naa" entgegen setzten. Der Kasperl zitierte darauf hin den Götz von Berlichingen. Dies erzürnte den gestrengen Nahstoll so sehr, dass er das Etabilisement schliessen ließ, zum Protest aller Festbesucher. Der Volksfestreferent musste am nächsten Tag alles wieder in Ordnung bringen und den Nahstoll darüber belehren, dass dieser Spruch von Goethe stammte, was der Gendarm gar nicht glauben konnte. Der Nahstoll soll von da an vorsichtiger in seinen Entscheidungen gewesen sein. Er verstarb im Jahre 1916.

Pferderennen

Volksfest mit Pferderennen in der Waldkolonie, im Hintergrund die Lehrerbildungsanstalt

Ein Rundgang durch das Volksfest von 1906 verdeutlicht die Vielfältigkeit. Nach dem Passieren des monumentalen Eingangstores fiel der Blick in der Mitte auf die Russische Schaukel" mit ihrem Riesengestell. Dahinter lag in Richtung Wald der Glückshafen. Nachfolgend befand sich der Behördenhof mit Büro des Festkommisariates. Polizei, Feuerwehr und Sanitätswache. Dahinter lagen die Festschießhalle sowie zwei Wirtsbuden. Westlich der Maria-Eich-Strasse und östlich der Lochhamer Strasse lag die Festbudenstadt. Eine neue und hochoriginelle Schaustellung gab es zu sehen bei "Kapitän Frohn's dressierte Seelöwen". Die wertvollen Tiere, die aus Kalifornien stammten, wurden von Kapitän Frohn solange dressiert, bis es gelang sie als vollendete Künstler zu zeigen".

Neben der Wirtsbude 3 lag der hübsche Bau des "Künzel's Kinomatographen". Stündlich gab es Vorstellungen aus einem Repertoire von 500 Nummern. Da waren Bilder zu sehen vom schrecklichen Vulkanausbruch des Vesuvs mit Rundgang durch die zerstörten Weinberge und Ortschaften. Auch gab es Sensationsfilme vom grossen Grubenunglück in Courierrs oder vom Überfall auf einen Eisenbahnzug. Es wechselten spannende aktuelle Darstellungen aus aller Welt mit humoristischen Filmen ab.

Vornehm

Auf dem Pasinger Volksfest ging es ein bisschen vornehm zu

Gleich daneben lag ein elegant dekoriertes Theater, in dem die "Neueste und groß artigste Illusion der Gegenwart" gezeigt wurde: "Daphne". Auf hellerleuchteter Bühne wurde eine Dame "Daphne" vor den Augen des Publikums in ein Blumenpostament verwandelt, aus dem ein prächtig blühender Lorbeerbaum entstand. Dieser zerfloss dann in Nebel und plötzlich stand ein Skelett da, welches allmählich Form und Gestalt eines Weibes annahm - Daphne war wieder da!

Neben der Wirtsbude 1 gab es eine weitere Belustigung. Im "Reitsportpalast" konn te jedermann auf gepflegten Pferden seine Reitkunst zeigen. Eine eigene Kapelle konzertierte und am Büffet gab es frische Labungen. So konnten auch diejenigen, die nicht reiten wollten, sich belustigen.

Zünftig gings natürlich auch in den Wirtsbuden zu. Da war der Voidei Sepp, der den Zuruf "Maurer, magst a Kraut?" auf den Tod nicht leiden konnte. Und gerade deshalb neckten ihn die Burschen. Als er wieder einmal den Satz hörte, schrie er, ohne sich nach dem Zurufer umzusehen, lautstark zurück: "Wenn dein Saukopf im Kraut drinsteckt, nacha scho!" Der Zurufer war Reichsgraf Franz von Gatterburg, der keineswegs beleidigt war, sondern Tränen lachte über den Voidei Sepp, der inzwi schen den Rufer erkannte und mit knallrotem Kopf eine Entschuldigung stammelte. Der Sepp durfte aller dann auf Grafen-Kosten in den Maßkrug hineinschauen, bis er blau war.

Georg habel1

Volksfest an der Georg-Habel-Strasse

Das Pasinger Volksfest 1906 fiel im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser: Regen, Regen und nichts als Regen zeichnet die Festwoche aus. Der Festausschuss beschloss, das nächste Mal bei der Festsetzung des Termines nicht nur auf die Feiertage zu achten, sondern sich auch nach dem Mond zu richten, denn "bekanntlich bringt der. abnehmende Mond fast stets schlechtes Wetter mit sich". Besonders durchnässt wur de auch ein vom Festplatz heimkehrender Postbeamter, der zu sehr dem Biere zugesprochen hatte und in die Würm fiel. Seine Begleiter konnten ihn zwar den Flu ten entreissen, seinen Stab und seinen Hut musste er jedoch den Wellen preisgeben. Das Volksfest 1906 endete mit einem grossen Turnfest. Im Postsaal fanden sich 27 Turner zum Wett-Turnen ein. Die Mitglieder des "Turn-Vereines Pasing von 1888 e.V." zeigten Glanzleistungen an Pferd, Reck und Bodenmatte. In allgemeine Hei terkeit versetzte die Pantomime "Das Treibhaus". "Was hier an Ulk, turnerischer Kunst und artistischer Fertigkeit gezeigt wurde, kann nicht beschrieben werden, So etwas kann nur gesehen, herzlich belacht und bestaunt werden", schrieb seinerzeit der "Würmtalbote".

Das dritte von der Stadt Pasing abgehaltene Volksfest, das vom 10. August bis 19. August 1907 stattfand, war "ob seiner reichhaltigen Abwechslung in volksbelustigender Hinsicht mit allgemeinem Beifall bedacht und ließ deshalb auch an Fre quenz von Festbesuchern nicht zu wünschen übrig". Als Festplatz wurde wieder die Wiese an der Pippinger Strasse festgelegt. Auch dieses Mal gab es ein großartiges Begleitprogramm. Ein grosses Zimmerstutzen-Schiessen zog sich über mehrere Tage hinweg. Als ersten und zweiten Preis gab es stolze 150 Mark und 100 Mark. An drei Tagen werden Pferderennen abgehalten: am 11. August ein Trabreiten, am 15. August ein Hindernisrennen und am 18. August ein Sprungrennen. Viele Zuschauer fanden sich ein beim Volks-Turnfest, bei dem Dreikampf an Kunstgeräten, Vierkampf an Naturgeräten, gemeinschaftliche Freiübungen und ein Schauturnen gezeigt wurden. Über das Plakat, das für das Volksfest an allen Ecken warb, stand im Würmtalboten:
"Das Plakat hat zum Vorwurf das gleiche Sujet, wie im Vorjahre, nämlich den trunkseeligen, siegesstolzen "Leiber" mit "Ihr" am Arme, echte, höchst wohlgelungene Volksfesttypen, die stets und immer das Gewollte erreichen: feuchtfröhliche Ani mierung zum Pasinger Volksfest." Trotz dieses Plakates waren die Festwirte mit dem Bierkonsum nicht zufrieden. In der Bude 1 (Planegger Bier) wurden 331 Hektoliter, in der Bude 2 (Brauerei Pasing, Pächter Josef Schmid) 310 Hektoliter und in der Bude 3 (Holl) 200 Hektoliter verzapft.

Regen

Bei Regen war beim Pasinger Volksfest gutes Schuhwerk angezeigt, denn der Boden war oft völlig aufgeweicht

Auf dem Volksfestplatz befand sich auch eine Bude der Hellseherin Marindoha, die "alles konnte, sah und wusste". Unter den Zuschauern saß einmal der Gerichtsvoll zieher Weiß. Er hatte eine so bestimmende Art, Geld einzutreiben, die ihn bei seinen "Kunden" durchaus beliebt machte. "Vor Ihnen graust mir!", sagten sie und der Weiß antwortete dann "Komisch, vor 10 Minuten ham's mir antelefoniert, dass ich kommen soll!" Aber davon war natürlich keine Rede gewesen. Mit grossen Worten wurde Marindoha, eine dicke, gepuderte Frau, in das Zelt geführt. Die Augen wur den ihr verbunden, ein Zuschauer reichte einen Bleistift auf die Bühne und der Direktor fragte "Marindoa, was halte ich in der Hand?" - "Einen Bleistift", piepste es herunter. Jetzt trat der alte Weiß an das Podium heran. "Das ist ja großartig, was das Mariandl, oder wie die heißt, alles kann. Aber kann sie auch erraten, was Sie da haben?" und klopfte dabei dem Direktor auf die Brust, wo sich die Brieftasche be fand. "Marindoha, du indisches Wunder, was habe ich da?", rief der Direktor. "Eine Brieftasche", antwortete sie. ,Und wieviel Geld ist darin?" -. "Zweihundertlünfzig Mark", antwortete das Phänomen. Glückstrahlend reichte er dem Weiß, den er nicht kannte, seine Brieftasche, damit er sie kontrollieren konnte. Er nahm sie mit stillem schmunzeln entgegen und fand die Aussage bestätigt. "Wissen Sie, ich bin nämlich Vollstreckungssekretär Weiß vom Amtsgericht. Ich finde Ihre Vorstellung wun derbar, sagte Weiß. Der Direktor sank in sich zusammen und man hörte ihn nur noch sagen: "Marindoha, du indisches Wunder, du bist das größte Rindvieh dieser Welt!". Der alte Weiß aber stellte eine Quittung aus und verließ den Platz, weil er in der damals schweren Zeit noch zu anderen "Kunden" musste, die ihm "telefoniert" hatten.

Georg habel2

Volksfest an der Georg-Habel-Strasse, die noch unbefestigt war

Prunkstück aller Volksfeste waren die abschliessenden Brillant-Feuerwerke. 1908 verzauberte der Pyrotechniker Sauer aus Augsburg die staunenden Pasinger. In acht Fronten wurde ein Feuerwerk bestehend aus 24 Nummern abgebrannt. Es begann mit einem Signal (3 große Raketen mit starkem Knall, 2 Bomben schweren Kalibers), gefolgt von einem Begrüßungsbukett aus 20 gleichzeitig steigenden Raketen und einer grossen Bombe mit Wirbelschwärmern. Weiter ging es mit Goldregen, Strahl raketen, Helios-Silberkreisel, bunte Kaskaden, Fortunas Füllhorn, einer pyrotechnischen Phantasie aus den neuesten Bomben und Raketen, einem elektrischen Kas kadenwasserfall mit Meteorregen und einer "Huldigung für Graf Zeppelin" (Bombe mit Wirbelschwärmerbukett). Zum Schluss leuchtete das Stadtwappen von Pasing am Himmel, umgeben von einem Strahlenkranz, links und rechts flankiert von Brillant fächerpalmen. Feuerwerke dieser Art und Qualität gab es später kaum noch. Ledig lich das Feuerwerk, das im Stadtpark zur 1200-Jahr-Feier Pasings im Jahre 1963 abgehalten wurde, ist vielleicht noch in Erinnerung.

Das Volksfest 1930 war im Vorfeld sehr umstritten. Im Pasinger Stadtrat gab es Stim men, die sich für die Abhaltung des Festes aussprachen, während zahlreiche Gegner in den schweren wirtschaftlichen Zeiten eine volksbelustigende Veranstaltung für nicht angebracht hielten. Am 8. August 1930 konnte Verwaltungsoberinspektor Drummer jedoch das Stattfinden des Festes verkünden. Die Eröffnung fand am Marienplatz statt. Aus dem Programm wurde ersichtlich, dass die Stadt nichts un versucht ließ, um das Volksfest zum Erfolg zu führen. So stand zu lesen: "Am Montag, den 1. September, wird Fräulein Elvira Wildson aus Hamburg mit einem Freiballon aufsteigen, zum Zwecke der Ballonverfolgung durch Automobile."

Alle Lebensmittel- und Rauchwarenkioske wurden an Pasinger Geschäfte vergeben, Dagegen war die Vergabe der Bierbuden an Pasinger Wirte nicht möglich, da die Verhandlungen über die Platzgebühr zu keinem Ergebnis führten. Die Stadt sah sich deshalb veranlasst, einen Vertrag mit der Münz-Herberg-Brauerei in Günzburg abzuschliessen, welche ein grosses Bierzelt aufstellte, das 2000 Personen fasste. Der Preis für die Maß Bier betrug 80 Pfennige, während das Bier auf dem Münchner Oktoberfest 1.20 Mark kostete. Die Pasinger Wirte Heckl (Post) und Georg Schmid (Pasinger Weinbauer), die kein Festzelt betreiben konnten, stellten während der Festzeit den Betrieb ein und verlegten sich aufs Garten-Geschäft, ebenfalls mit zünftiger Blasmusik, und lockten so manch einen Volksfestbesucher in ihren Garten. Promille-Grenzen gab es noch nicht und so wurde auch ein Parkplatz für Autos im Hof des Anwesens Pippinger Strasse 25 angeboten. Die Fußgänger erreichten den Festplatz über einen Zugang, der zwischen der Bahnunterfahrt Pippinger Strasse und dem Anwesen Nr. 25 geschaffen wurde.

Pferdeaepfel

Das Pasinger Volksfest hatte noch ländlichen Charakter. Auf der Georg-Habel-Strafse liegen die Pferdeäpfel.

Auf dem Volksfestprogramm 1931 stand ein grosses Fahrrad- und Motorrad-Rennen, das auf einer Grasbahn am Festplatz abgehalten wurde. Viele Zuschauer gab es beim Fahrrad-Rennen, die sich am liebsten an der "Manzinger Kurve" platzierten, um zu sehen, wie es einen "hinaus tragt". Untertags waren die Renn-Radler in der Arbeit, sodass die Rennen nur abends stattfinden konnten. Die Pasinger Matadoren hatten einen guten Ruf, bis sich ein Radler aus Aubing hinzugesellte. Er hatte nicht nur ein spektakulär besseres Rad mit einer Kettenübersetzung, so groß wie ein Schubkarren-Rad, sondern auch noch bessere Fahrfähigkeiten. Der Bahnrekord vom Pasinger Weber-Hansi, den der Steinherr Peter mit seiner Eisenbahner-Taschenuhr mit drei Minuten sieben Sekunden ermittelte, war also in ernster Gefahr. Die Pasinger konnten diese Gefahr nicht hinnehmen und mussten dem Aubinger die Schneid ab kaufen. Deshalb wurden alle Buben angehalten den Aubinger bei seinem Erscheinen in Pasing mit einem kräftigen "All Heil auf Pump" zu empfangen. Aber dies ließ den Aubinger kalt. Auch ließ er sein Veloziped nie aus den Augen, sodass es unmöglich war ihm mit der Nadel etwas anzutun. Es musste aber ein Mittel erreicht werden, um den "Schepperskarren" aus dem Rennen zu bringen. Da hatte der Steyrer Franz, ein Sohn des bayerischen Herkules, eine Idee:

"Wenn der Aubinger wieder zu uns herüber radelt, rennen, wir ihn einfach über den Haufen!" Dies musste natürlich mit einem alten Radl geschehen und wie ein ungewollter Unfall aussehen. Der Trischberger-Knecht, ein festes Mannsbild und dem Aubinger unbekannt, übernahm diesen Auftrag. Er hatte es auch schon mal als Ringkämpfer im Zirkus Brumbach auf genommen und so war dies für ihn ein Klacks. Als der Aubinger dann beim Kreuzhof auftauchte, schwang sich der Trischberger auf sein Radi und sauste schnurgerade auf ihn los. Einen Bumserer hatte es getan, dass man meinen mochte, der Blitz habe angeschlagen. In hohem Bogen flogen die Fahrer durch die Luft. "Jetzt leckst mi!", schrie der Trischberger. denn den er da über den Haufen fuhr war nicht der Aubin ger, sondern der Heitmeier Metzger aus Lochhausen, der Aubinger kam kurz darauf hergeradelt, aber der Trischberger Sepp hatte den Zusammenstoß nicht um viel Geld wiederholt.

Auf dem Volksfest gab es auch eine Kaninchen Ausstellung, eine Polizeihund Ausstellung, ein Kinderfest und einen grossen Festumzug. Angelockt wurden die Pasinger durch 1 Toboggan, 1 Fliegerkarusell, 1 Globusfahrer, 1 Schiffsschaukel, die Krinoline, 1 Motorradkarussell und das bekannte Schichtl Theater. Dazu kamen Attraktionsschauen, eine Affenarena, sowie Scherz-Amüsements. Als Festwirt fungierte Mathäus Kölbl vom Steiner Bad.

Kettenflieger1

Der Kettenflieger war für Buben und Mädel ein echter Überflieger

Das Volksfest 1931 wurde jedoch von einer Katastrophe überschattet. Die drückende Schwüle und der Föhn der Mittagsstunden führten am 3.September 1931 zu einem unheilvollen Gewitter. Gegen 1/2 5 Uhr baute sich aus Südwest schweres Gewölk auf, das einen "schwefelgelben Latz" nachzog. Augenblicke später war alles in dunkle Nacht getaucht, grelle Blitze zuckten. Dann brach ein Sturm los von uner hörter Gewalt, vermischt mit einem Wolkenbruch. Das schwerste Unwetter seit Jahren überschwemmte Strassen und Wege, fegte die Stadt menschenleer, knickte Bäume um und wirbelte Ziegel von den Dächern.

Nur eine Viertelstunde dauerte der Zustand, dann kehrte Ruhe ein, nur nicht auf dem Festplatz. Es zeigte sich ein Bild der Verwüstung. Die Festhalle stand in Fetzen da, das Flieger-Karussell lag in Trümmern und das zersplitterte Gerippe des Toboggans erinnerte an Bilder einer Zeppelin-Katastrophe. Das Zelt für die Kaninchen-Ausstel lung hat es umgelegt und der Eispalast brach in sich zusammen. Die Betriebe waren nicht versichert und hatten mehrfachen Schaden, da sie auch am Münchner Ok toberfest nicht mehr teilnehmen konnten. Glücklicherweise stürzte der 150 Zentner schwere Turmbau des Toboggans zwischen die Wohnwagen der Schausteller Moosandl und des Schiffsschaukelbesitzers und nicht direkt auf die Wagen. Fotografien der Katastrophe wurden im Schaukasten der Druckerei Dischner in der Bahnhofstrasse gezeigt. Die Marien-Drogerie bot diese Aufnahmen zum Verkauf.

Kettenflieger2

Ansicht auf das Volksfest

Die Pasinger Volksfeste wurden nicht immer am selben Platz abgehalten. Als Fest wiese diente die Riegerwiese in der Waldkolonie, die Wiese hinter der Brauerei an der heutigen Ebenböckstrasse oder auch die Wiese beim Avenariusplatz. Die meisten Feste fanden an der Pippinger Strasse statt im Bereich der heutigen Haber landstrasse. Aber eines hatten alle Feste gemein: die magische Anziehungskraft für Jung und Alt. Noch heute träumt Anni Rachl von den herrlichen Festen vor dem Krieg. Sie war jeden Tag dort, denn sie musste von Ihrer Wohnung auf dem Riemerschmidschen Gelände nur durch die Bahnunterrührung gehen. Täglich gab es dann Magenbrot, Waffeln und türkischen Honig. Karussellfahren war billig, nur ein Fünferl oder ein Zehnerl wurde abverlangt. Und die Drehorgelmusik bei jedem Fahrgeschäft war ganz umsonst. Der Bierpreis lag nach dem ersten Weltkrieg bei 48 Pfennigen. Gut erinnert sich die Rachl Anni auch an das Zelt mit der Schiffsschaukel, das so niedrig war, dass man beim Schaukeln an der Decke anstieß. Und gleich neben dem Sanitätszelt war ein kleiner Junge mit einem Affen, der der Anni auf die Schulter kletterte.

In den Jahren von 1934 bis 1940 fanden keine Volksfeste statt. Erst im September 1941 gab es wieder ein Fest. Es wurde erstmalig nicht mehr von der Stadt Pasing, sie war inzwischen eingemeindet, sondern vom 2. Dezernat der Hauptstadt der Bewegung ausgerichtet. Obwohl man als Festplatz die schön gelegene Ebenböck Wiese hinter der Pasinger Brauerei (heute Elsa-Brändstöm-Gymnasium) aussuchte, hatte die "Pasinger Wiesn" ihren Charme verloren. Die Propaganda versuchte alles, im für das Fest zu werben. Unzählige Schilder "Zum Festplatz" wurden aufgestellt und in München wurde in über 40 Kinos geworben. Ebenso erhielten die Münchner Strassenbahnen und verschiedene Bahnhöfe Werbeschilder. Systembedingte Ordnung kehrte auf dem Festplatz ein. Im Würmtalboten vom 5. September 1941 stand zu lesen:"Alles steht da in sinnvoller Beziehung zueinander. Hier der "Schnell­flieger", der zehnmal ausgerichtet werden musste, bis er auf den Zentimeter genau dastand, und hier das Verkehrsauto-Karussell mit neuem Omnibus, Marke Eigenbau. Immerhin verunzieren keine Deckungsgräben die Fläche des sattgrünen Gevierts." Der Anfang vom Ende der Pasinger Volksfeste war gemacht. Das letzte Fest, das in Erinnerung ist, fand im April 1980 am Westkreuz statt, gerade noch auf Pasinger Boden. Aber es konnte nicht mehr verglichen werden mit den Festen aus alten Zei ten, die nicht nur Rummelplatz waren, sondern ausgestattet mit reichem Rahmenprogramm sich auch kulturell messen konnten. So ein Programm bieten natürlich die hin und wieder stattfindenden Stadtteilwochen, aller dort gibt es wiederum kein Volksfest. Selbst wenn sich Initiatoren fänden, die heute ein Volksfest im alten Stil aufziehen wollten, so hätten sie es nicht leicht. In einer Zeit, in der in Pasing jede noch so kleine Grünfläche zugebaut wird, gibt es immer weniger geeignete Stand orte für eine derartige Veranstaltung. Vor ein paar Jahren diskutierte man im Pasinger Bezirksausschuß über einen geeigneten Festplatz für verschiedene Veranstaltungen. Der einzige Platz wäre unten am Stadtpark, an der Gräßl-Bergl-Wiese, gewesen. Er wurde jedoch aus Kostengründen wieder aufgegeben. Nicht nur die Platz-Befestigung, sondern auch eine Zufahrtsmöglichkeit für schwere Fahrzeuge fehlte.

Ergänzung zum Pasinger Volksfest

Dem Pasinger Archiv kann auch mal ein Fehler bei der Recherche unterlaufen. Dank dem Interesse und der Recherchen von Bernhard Möllmann wissen wir, dass das erste Pasinger Volksfest bereits vor 1905 stattgefunden haben muss. Zumindest aus dem Jahr 1898 existieren Postkarten mit Grüssen vom Pasinger Volksfest. Die Poststempel belegen dabei das Jahr 1898. In der frühen Zeit der Volksfestkarten wurden die Karten in verschiedenen Orten, jeweils mit dem entsprechenden Orts-Aufdruck bzw. Volksfeststempel, vertrieben. Auch wenn die Abbildungen nicht besonders attraktiv sind, belegen die Poststempel zumindest, dass es in jenem Jahr in diesem Ort ein Volksfest gegeben hat.

Bildergalerie für 2017